„Klassenfahrten sind das Beste, was Schule leisten kann“
Klassenfahrten gehören für viele Kinder zu den schönsten und prägendsten Momenten ihrer Schulzeit – und trotzdem finden sie immer seltener statt. Für Prof. Dr. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, ist das ein alarmierender Trend. Er warnt davor, dass Schulen damit auf ein zentrales Element der Bildung verzichten. Im Interview mit dem Bildungsmagazin News4teachers sagt er: „Klassenfahrten sind das Beste, was Schule leisten kann.“
Warum Klassenfahrten heute wichtiger denn je sind
Der Bildungsforscher betont, dass Klassenfahrten heute sogar wichtiger seien als früher. „Ich würde sogar sagen: Sie sind zeitgemäßer denn je. Wir leben heute in einer Zeit, in der viele Kinder Vereinsamung und soziale Isolation erleben. Zwar ist die ganze Welt digital vernetzt, aber das führt nicht automatisch dazu, dass Kinder ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln.“ Genau hier setze die gemeinschaftsstiftende Wirkung von Klassenfahrten an – neben ihrem Einfluss auf die Lernleistung.
Langfristige Wirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung
Studien belegen laut Zierer die besondere Nachhaltigkeit solcher Erfahrungen. „Der positive Einfluss einer gelungenen Klassenfahrt ist nicht nur unmittelbar danach messbar, sondern zeigt sich auch ein Jahr später noch in den Daten.“ Im Gegensatz zu vielen pädagogischen Maßnahmen, deren Wirkung nach kurzer Zeit verpuffe, hätten Klassenfahrten einen langfristig positiven Effekt auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Dass dennoch immer weniger Fahrten stattfinden, sieht er kritisch: „Das ist aus meiner Sicht ein Drama. Wir verspielen hier pädagogisches Potenzial.“
Was eine gute Klassenfahrt ausmacht
Damit Klassenfahrten diesen nachhaltigen Effekt entfalten können, müssen sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Zierer nennt als zentrales Kriterium eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler*innen: „Es muss eine gelingende Beziehungsarbeit stattfinden und ein Verhältnis von Vertrauen und Zutrauen entstehen.“ Darüber hinaus sei es wichtig, dass Kinder während der Fahrt auch herausgefordert würden – neue Perspektiven, ungewohnte Erfahrungen und das gemeinsame Bewältigen kleiner Schwierigkeiten stärkten das Wir-Gefühl.
Bessere Rahmenbedingungen für Lehrkräfte
Doch um Lehrkräfte zu entlasten, brauche es dringend strukturelle Verbesserungen. „Viel zu oft ist eine Klassenfahrt heute damit verbunden, dass sich einzelne, besonders engagierte Lehrkräfte überdurchschnittlich einsetzen, zusätzliche Aufgaben übernehmen und mitunter auch ein höheres Risiko tragen. (…) Lehrkräfte sollten nicht zu Reiseveranstaltern werden müssen. Sie sollten keine Angebote einholen oder Finanzierungspakete zusammenstellen müssen.“ Verwaltungsaufgaben könnten nach Ansicht des Forschers auf andere Stellen übertragen werden, damit Lehrkräfte sich wieder ganz auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren könnten.
Gemeinschaft erleben – ein Gewinn fürs ganze Leben
Welchen Gewinn Kinder am Ende von Klassenfahrten mitnehmen, bringt Zierer auf den Punkt: „Es kommt zu Interaktionen, die die Klassengemeinschaft stärken und die Gruppe zusammenschweißen. (…) Diese Gruppe hat sich als solche gefunden, ist zusammengewachsen – mit ihren Stärken, ihren Schwächen und ihren Interessen. Das ist der große Gewinn von Klassenfahrten, gerade in einer Zeit, in der es um Themen wie Demokratieerziehung geht.“Dies war der erste Teil des Gesprächs mit Prof. Dr. Klaus Zierer. Im zweiten Teil geht es darum, wie Klassenfahrten konkret gestaltet werden können, welche Rolle Lehrkräfte dabei spielen – und warum sie für Bildungsgerechtigkeit unverzichtbar sind.
Zum Original-Interview auf News4teachers geht es hier: „Klassenfahrten sind das Beste, was Schule leisten kann“