„Klassenfahrt in jeder Stufe!“ – warum sich der Aufwand lohnt
Klassenfahrten gelten als wertvolle Lernorte – gleichzeitig erleben viele Lehrkräfte sie als große Herausforderung. Im zweiten Teil des Gesprächs des Bildungsmagazins News4teachers mit Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Zierer geht es um genau diese Spannung: um soziale Lernprozesse, Verantwortung, Überlastung und die Frage, warum Klassenfahrten trotz aller Hürden unverzichtbar bleiben.
Soziales Lernen beginnt schon bei der Planung
Soziales Lernen auf Klassenfahrten müsse nicht immer aufwendig geplant werden, betont Zierer. Oft entstehe es ganz selbstverständlich durch das gemeinsame Unterwegssein. „Allein die Tatsache, dass man gemeinsam auf Reisen geht, erfordert, dass man sich zusammenrauft.“ Schon die Vorbereitung einer Fahrt sei ein intensiver Lernprozess: „Da steckt bereits viel Organisation, Absprache, Diskussion und Kompromissfähigkeit drin. All das ist enorm bildend.“
Gerade im Vergleich zum stark strukturierten Schulalltag eröffnen Klassenfahrten neue Räume: „Sich gemeinsam auf Reisen zu begeben, bringt viele Möglichkeiten mit, soziales Lernen in den Schulalltag zu integrieren. Ganz anders als im regulären Schulbetrieb, wo der Tag durch Stundenplan und Unterrichtsstruktur weitgehend vorgegeben ist.“
Lehrkräfte in einer neuen Rolle erleben
Besonders prägend sei auch die veränderte Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler*innen. Auf einer Klassenfahrt begegnen sich beide Seiten in einem anderen Kontext. „Wenn man die Lehrkraft aber auf einer Reise erlebt, sie begleitet, mit ihr in Austausch kommt, hat das eine enorm starke persönlichkeitsbildende Wirkung.“ Diese Erfahrungen wirkten weit über die Fahrt hinaus und seien auch für den späteren Unterricht von großem Wert.
Vor diesem Hintergrund plädiert Zierer sogar dafür, Klassenfahrten früh im Schuljahr zu legen: „Denn dann kann ich als Lehrkraft von den positiven Effekten über das gesamte Schuljahr hinweg profitieren.“
Verantwortung übernehmen statt abtauchen
Zugleich macht Zierer deutlich, dass Klassenfahrten kein Selbstläufer sind. Sicherheit und klare Strukturen seien unverzichtbar. „Wir sollten bei Klassenfahrten immer prüfen: Wo könnten Gefahren bestehen? Wie kann ich sie kontrollieren oder bestenfalls ganz vermeiden?“ Probleme entstünden nicht selten durch unzureichende Vorbereitung.
Dabei sei die Rolle der Lehrkraft klar definiert: „Klassenfahrt heißt nicht: als Lehrkraft abtauchen, sondern: hineingehen und Verantwortung übernehmen.“ Gute Kommunikation, klare Regeln und transparente Absprachen seien die Basis dafür, dass eine Fahrt gelingen könne.
Freiräume zulassen – auch für Eltern eine Herausforderung
Damit Klassenfahrten ihre Wirkung entfalten, brauchen Kinder Freiräume. Zierer betont, wie wichtig es sei, dies auch gegenüber Eltern klar zu kommunizieren – gerade in Zeiten digitaler Kontrolle. „Eine Klassenfahrt bedeutet auch, ein Stück weit loszulassen und den Kindern Freiräume zuzugestehen.“ Mitbestimmung und aktive Gestaltung seien entscheidend für Qualität und Wirksamkeit einer Fahrt.
Konflikte als pädagogische Chance begreifen
Wo Menschen intensiv zusammen sind, entstehen auch Konflikte. Für Zierer sind genau diese Situationen pädagogisch besonders wertvoll. Er verweist auf den „fruchtbaren Moment“ und darauf, dass Erziehung immer ein Wagnis bleibe. Der große Vorteil einer Klassenfahrt liege darin, Zeit zu haben: „Auf der Klassenfahrt habe ich den Freiraum, pädagogisch wirksam zu handeln und gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern Lösungen zu erarbeiten.“
Dabei warnt er vor übermäßiger Vorsicht: „Wenn wir ausschließlich auf Sicherheit bedacht sind, dann geschieht zu wenig und dann fehlt die Reibungsfläche, die für pädagogisches Handeln notwendig ist.“
Überlastung ernst nehmen – ohne das Wesentliche zu streichen
Die Kritik an Klassenfahrten könne er durchaus nachvollziehen, sagt Zierer. Lehrkräfte seien in den vergangenen Jahren stark belastet worden. Problematisch werde es jedoch dann, wenn ausgerechnet die wirksamsten Elemente gestrichen würden: „Wenn wir wegen dieser Überlastung beginnen, die pädagogisch wirksamsten Elemente aus dem Schulalltag zu streichen, dann verlieren wir genau das, was Schule eigentlich ausmacht.“
Sein Appell: Lehrkräfte müssen entlastet und bei Planung und Durchführung besser unterstützt werden – dann steige auch die Bereitschaft, Klassenfahrten wieder häufiger anzubieten.
Warum Klassenfahrten mehr sind als Projektwochen
Klassenfahrten lassen sich nicht einfach durch Projektwochen oder Exkursionen ersetzen, so Zierer. „Die Intensität ist eine völlig andere.“ Er zitiert Goethe: „Wirklich gebildet wird der Mensch nur auf Reisen.“ Das gemeinsame Unterwegssein, die erste Nacht außerhalb, geteilte Mahlzeiten oder eine Nachtwanderung erzeugten Erfahrungen, die emotional tief wirkten – und so im Schulalltag nicht reproduzierbar seien.
Gerade mit Blick auf Bildungsgerechtigkeit sei das entscheidend: Klassenfahrten ermöglichten allen Kindern prägende Erfahrungen – unabhängig vom Elternhaus.
Ein Wunsch für die Zukunft: Klassenfahrten ab der ersten Klasse
Für die Zukunft wünscht sich Zierer einen grundlegenden Wandel: „Ich wünsche mir, dass ab der ersten Klasse in jeder Jahrgangsstufe eine Klassenfahrt stattfindet.“ Dafür müssten Lehrerbildung und Bildungsverwaltung offener werden. Klassenfahrten müssten stärker in Ausbildung und Haltung angehender Lehrkräfte verankert werden – denn sie verlangten ein hohes Maß an pädagogischem Ethos.