NACHHALTIG WIRTSCHAFTEN. SINNSTIFTEND HANDELN.

Herr Mirring, 2023 waren Sie fünf Jahre als Geschäftsführer des DJH-Landesverbands Rheinland im Amt. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Oliver Mirring: Zunächst einmal bleibt es für mich auch nach fünf Jahren sinnstiftend, für einen gemeinnützigen Verband mit gemeinwohlorientierten Zielen arbeiten zu dürfen, der sich seit mehr als 100 Jahren für die Förderung der Jugendhilfe, der internationalen Verständigung sowie des Umwelt- und Landschaftsschutzes einsetzt. Dahinter stehen Werte und Ziele, die heute mehr denn je relevant sind. 2018 bin ich mit dem Ziel angetreten, die Jugendherbergen in eine stabile Zukunft zu führen – die Übernachtungszahlen bewegten sich damals um die Millionenmarke, die Mitgliederzahlen erreichten ihr Allzeithoch – also beste Voraussetzungen, um Zukunft zu gestalten. Doch dann kam vieles anders. Angesichts der Corona-Pandemie, des Krieges in der Ukraine und der Energiekrise darf ich die folgenden Jahre wohl getrost als Achterbahnfahrt zusammenfassen. Allerdings habe ich nie zuvor so viel Solidarität erlebt, wie während der Corona-Pandemie. Von der Politik über den DJH-Hauptverband und das Netzwerk der Landesverbände bis hin zu den Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen haben alle solidarisch für die Jugendherbergen gekämpft und trotz Schließungen und Kurzarbeit zusammengehalten.

Die Pandemie war 2023 überstanden und die Jugendherbergen konnten wieder in den Regelbetrieb schalten. Wie schauen Sie auf das Jahr zurück?

Oliver Mirring: Positiv und vielversprechend: Während der Pandemie wurde der Krisenmodus für uns zum Alltag, wir sind „auf Sicht gefahren“, haben unseren strengen Sparkurs gehalten und nur in das Nötigste investiert. Bereits 2022 deutete sich ein positiver Trend an, der sich 2023 nahtlos fortsetzte: Kaum waren die Jugendherbergen wieder uneingeschränkt offen, kehrten unsere Gäste mit Wucht zurück. Das hat uns tief beeindruckt und wir haben 2023 mit 1.032.446 Übernachtungen unser hervorragendes Ergebnis von 2019 sogar übertroffen. Dies macht den Nachholbedarf an Gemeinschaftserlebnissen für Kinder, Schulklassen und auch Familien deutlich, auf den wir mit gezielten Programmangeboten zum Sozialen Lernen, zur Stärkung der Resilienz und zur Achtsamkeit reagieren konnten. Dank der guten Ergebnisse konnten wir 2023 schließlich viele Projekte, die für eine lange Zeit ausgesetzt waren, wieder aufnehmen sowie in Standorte und in Mehrwerte investieren.

Das klingt nach Innovation und Gestaltung. Was darf man sich darunter vorstellen? Können Sie Beispiele nennen?

Oliver Mirring: Jede Jugendherberge erhielt z. B. ein Sonderbudget, über das sie frei verfügen konnte. Vom E-Bike-Ladeschrank über neue Tagungstechnik bis hin zur barrierefreien Rezeption konnten so viele Neuerungen für den Gästekomfort installiert werden. Beeindruckend ist die riesige Kletterwand, die nun im Foyer der Jugendherberge Gemünd Vogelsang installiert ist und im Rahmen von Programmangeboten genutzt wird. Natürlich wurde auch wieder mehr in die Renovierung und Modernisierung von Häusern investiert, mit denen wir seit jeher den Zimmerkomfort, unsere Services und Programmangebote an die veränderten Ansprüche unserer Gäste anpassen. Für den Standort Kevelaer und die inzwischen stillgelegte Jugendherberge werden wir z. B. in einem kreativen und innovativen Prozess eine zukunftsorientierte Neukonzeption entwickeln. Im Vorstand haben wir beschlossen, ein tragfähiges Nutzungskonzept für die Immobilie und das Gelände zu erarbeiten. Maßgabe ist, den traditionellen Kern der Jugendherbergsidee weiterzuentwickeln und uns mit neuen Konzepten der Zukunft zu stellen. Diese Entscheidung ist auch ein Bekenntnis, unsere Angebote im ländlichen Raum zu erhalten sowie die Vielfalt unseres Angebots nicht nur zu bewahren, sondern weiter auszubauen.

Ihr erklärtes Ziel ist es, die Jugendherbergen bis 2030 in die Klimaneutralität zu führen. Wie machen Sie das?

Oliver Mirring: Der Umwelt- und Naturschutz gehört laut unserer Satzung zur Gründungsidee der Jugendherbergen. Seit mehr als 100 Jahren sehen wir uns deshalb verpflichtet, nachhaltig zu handeln und natürlich auch in energetische Maßnahmen zu investieren. Im Hinblick auf den Klimawandel entspricht dies genau dem Nachhaltigkeitsgedanken, der sich vom „European Green Deal“ der EU über das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung und den „Green Deal NRW“ bis auf unsere Verbandsebene herunterbrechen lässt: In die Klimaneutralität zu investieren, um der globalen Krise verantwortlich zu begegnen und zugleich wettbewerbsfähig zu bleiben. Die größte Hebelwirkung erzielen wir zweifellos mit Investitionen in die energetische Sanierung. Auf dem Dach der Jugendherberge Düsseldorf produziert seit März 2023 eine Photovoltaikanlage (38 kWp) Solarstrom. 2024 sollen weitere Anlagen für fünf Standorte folgen. Für die Pilot-Jugendherberge Simmerath-Rurberg steht das energetische Gesamtkonzept, aus dem wir praxistaugliche Vorschläge für alle Jugendherbergen ableiten können, kurz vor der Fertigstellung. Im Vorausblick auf anstehende EU-Verordnungen sind wir 2023 frühzeitig gestartet, um die erforderlichen Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen. In dem ESG-Verfahren werden wir die Nachhaltigkeitsleistungen des DJH-Landesverbands Rheinland in den Schlüsselbereichen Environmental, Social und Governance dokumentieren, analysieren und bewerten.

Der DJH-Landesverband Rheinland steht seit jeher als Gemeinwohl orientierter Verband für soziale Verantwortung. Wie nehmen Sie diese Verantwortung als Arbeitgeber wahr?

Oliver Mirring: Das Job-Portal, das der DJH-Landesverband Rheinland gelauncht hat, hilft uns, neue Mitarbeitende zu gewinnen. 2023 haben wir als Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb Verantwortung für fast 800 Mitarbeitende und 31 Auszubildende übernommen – Tendenz steigend. Hinzu kommt, dass wir das Thema Inklusion in § 4 unserer Satzung fest verankert haben und deshalb Menschen mit Behinderung aktiv in unsere Arbeitswelt integrieren. Gemeinsam mit Inklusionsdienstleistern beschäftigen wir in den 32 Jugendherbergen im Rheinland über 46 Mitarbeitende mit Handicap. 2023 starteten in der Jugendherberge Köln-Riehl drei Auszubildende mit geistiger Beeinträchtigung in das zweite Jahr ihrer dualen Ausbildung. Sie erhalten dort also die Chance auf eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Darüber hinaus ist der DJH-Landesverband Rheinland Mitbegründer des Vereins „Inklusives Unternehmensnetzwerk e.V.“, dem sich mittlerweile 15 weitere Partner angeschlossen haben. Ziel ist, einen inklusiven Arbeitsmarkt zu schaffen, an dem Menschen mit Behinderung ohne Hürden teilhaben können.

Wie blicken Sie nach dem erfolgreichen Jahr 2023 auf die kommenden Jahre als Geschäftsführer?

Oliver Mirring: Ich freue mich darauf, die Ziele und Ideen, mit denen ich vor mehr als 5 Jahren gestartet bin, fort- und umzusetzen. 2023 haben wir den Strategieprozess mit unseren ehrenamtlichen Gremien wieder aufgenommen, um die Gründungsidee der Jugendherbergen sowohl wertekonform als auch marktgerecht für unsere Gäste von morgen auszugestalten. Ein spannender Prozess, der auf allen Ebenen des Verbandes spürbar kreative Kräfte freisetzt. Was unsere Gäste und Übernachtungen betrifft, erwarten wir ein stabiles Jahr 2024, in dem wir uns weiter konsolidieren können. Die Prognosen sind gut und Nordrhein-Westfalen ist als Reisedestination erfolgreich. Wir haben erleben müssen, wie fragil die Welt ist, dass Pandemien, Kriege, Flüchtlingsströme sowie Energie- und Klimakrisen global sind und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Mit unseren Angeboten und unserem sozialen Engagement arbeiten wir aktiv daran mit, das Gemeinwohl zu fördern und Solidarität zu stärken. 2023 durften wir erleben, dass viele Menschen sich genau das wünschen, das stimmt uns zuversichtlich.